Feierliches Gelöbnis der Bundeswehr



Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr, 20.7.2021, Bendler-Block, Berlin

Foto: IMAGO / Mike Schmidt

Anrede,

der 20. Juli 1944 soll ein recht grauer und schwüler Sommertag gewesen sein.

Er begann für einige Menschen voller Hoffnung – mit der Hoffnung, dass es endlich gelingen möge, Hitler zu töten. Diese Hoffnung war sicherlich auch von Angst begleitet. Doch die eigenen Ängste stellten alle Beteiligten zurück.

Der Tag endete grausam in diesem Hof. Kurz nach Mitternacht wurden hier vier Männer ermordet, weil sie ihrem Gewissen gefolgt waren und sich gegen die Nazi-Diktatur gestellt hatten: der 55-jährige General Friedrich Olbricht, Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg, damals 37 Jahre alt, der 39-jährige Oberst Albrecht Ritter Merz von Quirnheim und Oberleutnant Werner von Haeften (sprich: Haften), 37 Jahre alt. Generaloberst a. D. Ludwig Beck, der eine zentrale Rolle in diesem Kreis spielte, war zuvor hier im Bendler-Block nach einem missglückten Selbsttötungsversuch erschossen worden.

In den folgenden Wochen wurden im Zusammenhang mit dem Attentat rund 200 weitere Menschen hingerichtet, etwa 600 verhaftet.

1944 hatten meine Eltern und meine Großeltern väterlicherseits bereits das rettende Palästina erreicht. Meine Großeltern mütterlicherseits schafften es nicht mehr. Sie wurden in Auschwitz ermordet.

Vom Juli 1944 bis zur Befreiung des Vernichtungslagers am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee sind noch knapp 200.000 Menschen nach Auschwitz deportiert worden. Und dies trotz der sich abzeichnenden militärischen Niederlage. In diesem letzten Kriegsjahr hätten noch unendlich viele Menschenleben gerettet werden können, wenn das Attentat vom 20. Juli 1944 geglückt wäre.

Und dennoch, trotz dieses Fehlschlags, blicken wir heute mit tiefem Respekt auf die Widerstandskämpfer des 20. Juli und auf alle Frauen und Männer, die es damals wagten, sich gegen das verbrecherische NS-Regime zu erheben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

bewusst sage ich, dass wir mit Respekt auf die Widerstandskämpfer schauen. Respekt bedeutet nicht, sie als Helden zu verehren oder auf einen Sockel zu stellen. Das hielte ich für falsch.

Respekt bedeutet, ihr Handeln und ihren Mut anzuerkennen, auch wenn ihre Biographien mitunter Brüche und Widersprüche aufweisen. Nicht wenige ließen sich zuerst von Hitlers Politik einfangen und erkannten erst nach einer gewissen Zeit den wahren Charakter seiner Ideologie. Manche wandten sich erst ab, als sie Zeugen von Verbrechen der Nazis wurden.

Wie wir alle waren auch die Widerstandskämpfer nicht unfehlbar. Im Gegensatz zu den allermeisten Menschen damals waren sie jedoch nicht bereit, weiter mitzumachen oder stillschweigend wegzusehen.

Sie riskierten für ihr Widerstehen ihr Leben und bezahlten auch häufig mit ihrem Leben dafür.

Einige der Widerstandskämpfer waren auch keine Demokraten in dem Sinne, wie es unserem heutigen Verständnis entspricht. Es ist legitim, ihr Handeln bei allem Respekt kritisch zu betrachten. Dazu gehört auch der Antisemitismus, der sich bei dem ein oder anderen Widerstandskämpfer durchaus findet, und der benannt werden sollte.

Man sollte jedoch alles in den Blick nehmen, um diesen Menschen gerecht zu werden.

Ich möchte Ihnen eine kurze Passage aus dem Entwurf einer Regierungserklärung wiedergeben. Diese Regierungserklärung hatten General Ludwig Beck und Carl Friedrich Goerdeler für den Fall eines geglückten Putsches verfasst.

Dort heißt es:

„Die Konzentrationslager werden aufgelöst, die Unschuldigen entlassen, Schuldige dem ordentlichen gerichtlichen Verfahren zugeführt werden. (…) Zur Sicherung des Rechts und des Anstandes gehört die anständige Behandlung aller Menschen. Die Judenverfolgung, die sich in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht wieder gutzumachenden Formen vollzogen hat, ist sofort eingestellt.“

Die Verbrechen der Schoa sind hier klar benannt. Das gilt es zu würdigen. Wir sollten uns zur Einordnung in Erinnerung rufen, dass es nach dem Krieg sehr viele Deutsche gab, die behaupteten, nichts gewusst zu haben oder alle Schilderungen der Schoa als übertrieben abwerteten.

Es war eine besondere Geste der Versöhnung, als 2001 Paul Spiegel sel. A. hier beim Gelöbnis eine Rede hielt. Zum ersten Mal sprach damit ein Präsident des Zentralrats der Juden bei dieser Zeremonie.

Der Anblick deutscher Uniformen war in der Nachkriegszeit für die Schoa-Überlebenden unerträglich. Der Dienst in der Bundeswehr für die meisten Juden undenkbar. Doch über die Jahrzehnte hatte sich vieles gewandelt. Daher machte Paul Spiegel diesen Schritt auf die Bundeswehr zu.

20 Jahre später sind wir auf diesem Weg weitergegangen und haben vor wenigen Wochen ebenfalls einen historischen Schritt vollzogen:

Ende Juni wurde in Leipzig Zsolt Balla als erster Militärbundesrabbiner in sein Amt eingeführt. In Kürze sollen weitere Militärrabbiner folgen. Jüdische Seelsorge in der Bundeswehr – das war selbst 2001 noch weit weg. Ich bin überzeugt, dass es der richtige und ein wichtiger Schritt ist. Rabbiner Balla hat übrigens heute auch an einem Bundeswehr-Gelöbnis teilgenommen, in Leipzig in der General-Olbricht-Kaserne. Ich denke, das Symbol spricht für sich.

Und so, sehr geehrte Rekrutinnen und Rekruten, hat es auch einen sehr hohen Symbolcharakter, dass Sie ausgerechnet an einem Tag vereidigt werden, an dem wir an Soldaten erinnern, die ihren soldatischen Eid gebrochen haben. Sie hatten auf Adolf Hitler geschworen und haben letztlich alles daran gesetzt, ihn zu töten. Nicht wenige Deutsche betrachteten sie damals und noch Jahre nach dem Krieg als Verräter.

Was bedeutet es, dass Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, gerade heute Ihren Eid leisten, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen?

Zur Beantwortung möchte ich noch einmal General Ludwig Beck zitieren, aus einem Vortrag, den er 1938 hielt:

„Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet.“

Diesen Gedanken halte ich für ganz wesentlich. In die heutige Zeit übersetzt, könnten wir sagen: Wo Sie in Ihrem Handeln als Soldaten gegen die Grundrechte verstoßen müssten, ist die Grenze des Gehorsams erreicht.

Denn Sie sind nicht nur Soldaten. Sie sind auch Bürger. Staatsbürger in Uniform. Und daher ist es kein Widerspruch, wenn wir von Ihnen einfordern, was für alle Bürger gilt: Zivilcourage.

Wir haben das Glück, nicht in einer Diktatur, sondern in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben. Bei uns entscheidet nicht ein Alleinherrscher über Militäreinsätze, sondern das Parlament.

Sie können daher als Bundeswehr-Soldaten davon ausgehen, dass Sie nie in die Situation kommen werden, Ihren Eid brechen zu müssen oder gewaltsamen Widerstand leisten zu müssen.

Doch Situationen, in denen es gilt, eine Kameradin oder einen Kameraden vor Übergriffen zu schützen, oder nicht einfach wegzuhören, wenn jemand rechtsextreme Sprüche von sich gibt – auf die werden Sie treffen. Welche Vorfälle erst in jüngster Zeit bekannt wurden, muss ich hier nicht wiederholen. Sie wissen, was ich meine.

Der einstige Kanzler Otto von Bismarck stellte die Zivilcourage dem militärischen Mut des Soldaten im Kampf gegenüber.

Sie, verehrte Rekrutinnen und Rekruten, brauchen beides: Mut in Einsätzen und Zivilcourage in Ihrem Alltag, in der Kaserne und Zuhause. Vor allem in Auslandseinsätzen sind Ihr Mut und Ihre Umsicht gefordert. Was Sie dort leisten, wird hierzulande oft zu wenig gewürdigt.

Zivilcourage ist überall vonnöten.

Paul Spiegel sagte in seiner Rede beim Gelöbnis vor 20 Jahren:

„Wer wieder wegschaut, wer wieder verharmlost oder meint, all das gehe ihn nichts an, macht sich schuldig – in unserer Gesellschaft und auch in der Bundeswehr (…).“

Die Bundeswehr kann für sich in Anspruch nehmen, die Armee einer Demokratie zu sein. Eine demokratische Armee ist sie aber erst, wenn ihre Soldatinnen und Soldaten diese Haltung zeigen: Einzustehen für die demokratischen Werte, den Mund aufzumachen gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit.

Das darf nie auf Toleranz stoßen!

Nie auf Schweigen und Wegsehen. Erst recht nicht auf Mitmachen!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

an diesem Tag, an dem wir der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus gedenken, gilt es zu fragen, ob heute unsere Demokratie, unsere Freiheit eigentlich die Wertschätzung genießen, die angemessen wäre.

Für Teile unserer Gesellschaft muss man das leider verneinen.

Auf ein Phänomen, das mich besonders verstört, möchte ich noch kurz eingehen.

In den zurückliegenden anderthalb Jahren waren Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus so präsent in der Öffentlichkeit wie lange nicht. Wir mussten zahlreiche Demonstrationen von Corona-Leugnern und sogenannten Querdenkern erleben, die sich mit der „Weißen Rose“ verglichen und sich in einer Corona-Diktatur wähnten.

Ich habe alles andere als ein Interesse, mit diesen Menschen in ein Gespräch zu treten. Doch ich würde sie gerne einmal hierherführen. Oder in die Gedenkstätte Plötzensee. Damit sie sehen, was Widerstand gegen eine der unmenschlichsten Diktaturen, die es je gab, wirklich bedeutete.

Es ist infam und abstoßend, dass sich Bürger unseres Landes, die alle Vorzüge des demokratischen Rechtsstaats genießen, erdreisten, den Widerstand gegen die Nationalsozialisten so zu instrumentalisieren. Sie treten das Erbe der Widerstandskämpfer mit Füßen!

Es liegt in unserer Verantwortung als Bürger, als Soldaten, diese Anmaßung nicht zu tolerieren. Diese Menschen müssen spüren, dass sie mit ihrer Meinung isoliert sind. Ihnen sollte überall Einhalt geboten werden, auf der Straße und im Internet. Auch in den sozialen Medien gilt es, Zivilcourage zu zeigen gegen den Hass, der dort verbreitet wird.

Im vergangenen Jahr wurde eine repräsentative Umfrage zur Haltung der Deutschen zum Nationalsozialismus veröffentlicht, die die Wochenzeitung „Die Zeit“ in Auftrag gegeben hatte. Darin war zwar etwas mehr als die Hälfte der Befragten der Ansicht, dass die Masse der Deutschen keine Schuld hatte an den Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern nur einige Verbrecher, die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht hätten.

Doch eine deutliche Mehrheit, nämlich 77 Prozent, waren zugleich der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit angesichts jüngster Entwicklungen so wichtig sei wie eh und je.

Ich wünsche mir, dass Sie, als junge Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, zu diesen 77 Prozent gehören. Dass Sie nicht nur verstehen, warum Sie dieses Wissen über den Nationalsozialismus haben müssen, sondern dass Sie auch aus diesem Wissen heraus handeln – mit militärischem Mut im Einsatz und Zivilcourage im Alltag für eine demokratische Armee.

Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer heutigen Vereidigung und wünsche Ihnen alles Gute!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

20.7.2021, Bendler-Block, Berlin

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