Einweihung Zentralarchiv



Grußwort von Dr. Josef Schuster beim Festakt zur Einweihung neuer Räume des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, 14.9.2021, Heidelberg

Foto : Gregor Zielke

Anrede,

wer heute eine Umfrage zum jüdischen Leben in Deutschland macht, wird auf zwei Phänomene stoßen: Die meisten Bürger schätzen die Zahl der hier lebenden Juden um mindestens das Zehnfache höher als sie ist. Und sie haben keine Ahnung, wie nach der Schoa überhaupt wieder jüdische Gemeinden in Deutschland entstanden sind.

Und wer dann noch nach einem Ereignis in Zusammenhang mit Juden in Deutschland fragt, wird sehr häufig als Antwort hören: die Reichspogromnacht 1938.

Denn mit Juden wird am ehesten die Schoa assoziiert, obwohl das Wissen über die Schoa in der Breite der Bevölkerung ziemlich gering ist. Doch dass 1938 die Synagogen brannten, ist recht vielen Menschen bekannt.

Mal abgesehen davon, dass nicht nur die Synagogen brannten, ist ein Faktum selbst vielen Menschen neu, die über das Jahr 1938 mehr wissen als der Durchschnitt: 1938 wurden praktisch alle jüdischen Archive in Deutschland von der Gestapo beschlagnahmt. Das gilt für Archive einzelner Gemeinden ebenso wie für das damalige „Gesamtarchiv der deutschen Juden“.

Die Nationalsozialisten wollten sämtliche Spuren jüdischen Lebens vernichten. Der Bedeutung von Archiven waren sie sich durchaus bewusst. Außerdem nutzten sie die personengebundenen Akten für die Verfolgung von Juden.

Dass das Judentum in Deutschland viel mehr ist als die Schoa – das würdigen wir mit dem Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Und es freut mich ganz außerordentlich, dass wir genau in diesem Festjahr die neuen Räume des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland einweihen können. Die neuen Räume stehen auch für die Neuaufstellung des Archivs.

Das Zentralarchiv birgt einen Schatz: das Gedächtnis der jüdischen Gemeinden. Es verwahrt - wie sein Leiter, Herr Tamari, es einmal ausgedrückt hat – die „jüdische Existenz im Nachkriegsdeutschland“.

Das Zentralarchiv ist gleichermaßen ein Ort der Selbstvergewisserung wie der Bildung.

Eine gefestigte jüdische Identität bildet sich nur, wenn man seine Geschichte kennt. Wer waren die Gründer der jüdischen Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg? Womit hatten sie zu kämpfen? Wie gelang es ihnen, mit – wenn ich es so nennen darf – zertrümmerten Seelen und in einem zertrümmerten Land diesen Aufbauwillen zu entwickeln?

Hier im Zentralarchiv finden sich zum Beispiel Dokumente der DP-Camps und viele weitere Schätze, die das Wunder des Wiederaufbaus jüdischen Lebens widerspiegeln.

Für die jüdische Gemeinschaft selbst ist es wichtig, diese Geschichte zu kennen.

Noch mehr am Herzen liegt es mir allerdings, dass sich die nicht-jüdische Umgebung damit befasst.

Ich habe Ihnen eingangs geschildert, wie gering die Kenntnisse in der Bevölkerung über das Judentum sind. Die meisten haben von unserem heutigen jüdischen Leben und unseren Gemeinden keine Vorstellung.

Mangelndes Wissen über eine bestimmte Gruppe von Menschen, vor allem über eine Minderheit, führt jedoch fast immer zu Vorurteilen. Dieses Phänomen mit all seinen schrecklichen Folgen zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsch-jüdische Geschichte.

Auch heute noch gilt: Selbst wer persönlich noch nie einen Juden getroffen hat, wer sich für das Judentum eigentlich gar nicht interessiert, kennt antisemitische Vorurteile. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Das soll sich unter anderem durch das Festjahr 1700 Jahre ändern. Mit rund 1.500 Veranstaltungen sollen die Menschen bis ins nächste Jahr hinein mit der jüdischen Religion und Kultur vertraut gemacht werden.

Doch wir brauchen auch Orte, an denen nachhaltig dieses Wissen bewahrt und zur Verfügung gestellt wird.

Orte wie das Zentralarchiv.

An dieser Stelle, meine Damen und Herren,

möchte ich Peter Honigmann danken und ihm aus der Ferne meine Grüße übermitteln!

1987 gründete der Zentralrat der Juden das Zentralarchiv in Heidelberg. Erster Leiter war der ehemalige Präsident der Landesarchivdirektion in Stuttgart, Professor Eberhard Gönner. Ihm folgte 1991 Peter Honigmann, der heute aus gesundheitlichen Gründen leider nicht hier sein.

Um die Geschichte des jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland noch besser als bisher für die Forschung und für Interessierte zugänglich zu machen, ist derzeit die Digitalisierung der Bestände in vollem Gange.

Wir erhalten dabei großzügige Unterstützung durch das Bundesinnenministerium, wofür ich Ihnen, sehr geehrte Frau Staatssekretärin, stellvertretend herzlich danke!

Erwähnen möchte ich darüber hinaus den Präsidenten des Bundesarchivs, Prof. Hollmann, und den Präsidenten des Landesarchivs Baden-Württemberg, Prof. Maier. Beide Archive haben ihr großes Knowhow zur Verfügung gestellt, um das Zentralarchiv zu professionalisieren.

Und vor allem Ihnen, lieber Herr Tamari, gilt mein Dank! Unter Ihrer Leitung wurden die Bestände enorm erweitert, ein Mitarbeiterstab aufgebaut und eine IT-Abteilung sowie eine Bibliothek begründet. Und ich weiß, dass Sie sich nicht scheuen, im Zweifelsfall selbst in einen Keller zu steigen und dann Akten in ihr Auto zu laden, um sie nach Heidelberg zu bringen. Sie sind unermüdlich mit den Gemeinden in Kontakt. Denn unsere Gemeinden sind autonom, und leider haben bisher nicht alle erkannt, warum es nicht nur sinnvoll, sondern auch immens wichtig ist, ihre Dokumente hier in Heidelberg aufbereiten und verwahren zu lassen.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Archive speichern Vergangenes für die Zukunft. Doch nach Schätzungen von Experten landen nur fünf Prozent der Dokumente, die eine Epoche hervorbringt, in Archiven. Manches landet auch in Auktionshäusern und später in verschlossenen Privatsammlungen. Manchmal ist auch der Umgang mit Schriftstücken durch Erben ein Problem. Die Erben Friedrich Schillers sollen angeblich seine raren Manuskripte zerschnitten haben, um sie an möglichst viele Verehrer zu verteilen.

Wertvolle Schriften, wichtige Quellen so aufzubewahren, dass damit noch nach Hunderten von Jahren gearbeitet werden kann – das ist die Kunst der Archivare und ihr Verdienst. Von dem, was bewahrt wurde und zugänglich ist, hängt unser Bild, unsere Deutung der Vergangenheit ab.

 

Als sich nach 1990 endlich Archive in der ehemaligen Sowjetunion für die internationale Forschung öffneten, fand sich manches Puzzleteil, um ein bis dahin lückenhaftes Bild endlich zu vervollständigen. Auch Teile des „Gesamtarchivs der deutschen Juden“ fanden sich in einem Moskauer Sonderarchiv, von dessen Existenz die westliche Welt erst 1990 erfuhr.

Ich bin sehr glücklich, dass wir für die Bestände des Zentralarchivs jetzt eine adäquate Unterbringung gefunden haben und mit dem Ausbau des Archivs so gut vorankommen.

Damit verbindet sich meine Hoffnung, dass auch das Zentralarchiv dazu beiträgt, dass Wissen über das jüdische Leben zu erhöhen und damit letztlich den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken.

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