Die jüdische Militärseelsorge wird kommen



Grußwort des Geschäftsführers des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, zur Eröffnung der Konferenz „Militärrabbiner in der Bundeswehr. Zwischen Tradition und Herausforderung“, 

Foto: Zentralrat der Juden

Sehr geehrte Frau Ministerin,

sehr geehrter Herr Dr. Schuster,

sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestags,

verehrte Vertreter der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften,

sehr geehrte Vertreter der Bundeswehr,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Bei der Vorbereitung dieser Tagung habe ich mich gefragt, wie viele Menschen in Deutschland sich überhaupt schon einmal mit dem Thema „Juden und Militär“ beschäftigt haben oder etwas darüber wissen. Wohl vermutlich ziemlich wenige. Vielleicht sagt einigen der Name des berühmten Rabbiners Dr. Leo Baeck etwas, der als Feldrabbiner am Ersten Weltkrieg teilnahm. Dann jedoch dürfte sich das Wissen der meisten Menschen zum Thema erschöpft haben.

 

Dies ist aus vielerlei Gründen sehr bedauerlich: Bedeutet es doch zum einen, dass die Tradition jüdischer Feldrabbiner und Soldaten in deutschen Streitkräften zunehmend in Vergessenheit gerät. Es bedeutet aber auch, dass die herausragenden Leistungen jüdischer Feldrabbiner und Soldaten im Ersten Weltkrieg sowie die der jüdischen Soldaten in den Armeen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg dem Vergessen anheim zu fallen drohen.

 

Zudem bedeutet dieses Nichtwissen, dass sich das hartnäckig haltende bösartige antisemitische Narrativ von den Juden, die sich während des Dritten Reiches angeblich wie die Lämmer zur Schlachtbank hätten führen lassen, erhalten und unwidersprochen bleibt.

 

Mit unserer Fachtagung „Militärrabbiner in der Bundeswehr. Zwischen Tradition und Herausforderung“ will der Zentralrat der Juden in Deutschland diesem Unwissen entgegenwirken. Aber nicht nur das! Wir wollen mit dieser Tagung auch deutlich machen, dass unser Anspruch, künftig Militärrabbiner in die Bundeswehr zu entsenden und so jüdische Militärseelsorge zu implementieren, ein Anspruch ist, der nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern seine Wurzeln in der deutschen Geschichte hat.

 

Pause

 

Meine Damen und Herren, die Tradition jüdischer Soldaten in deutschen Streitkräften reicht zurück bis zu den Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts. Jüdische Soldaten in einer deutschen Armee – das war vor 1933 nichts Ungewöhnliches. Feldrabbiner wie Leopold Rosenak, Leo Baerwald, Paul Lazarus und Siegfried Alexander spiegelten die Präsenz deutscher jüdischer Soldaten an den Fronten des Ersten Weltkrieges wider.

 

Erstmals entstand neben der evangelischen und katholischen auch eine institutionalisierte jüdische Feldseelsorge. Zu den zentralen Aufgaben der Feldrabbiner gehörten, neben der religiösen Seelsorge, die Verteilung von religiöser Lektüre, die Durchführung von Unterhaltungsabenden und Vorträgen und der Dienst in Lazaretten. Nach der sogenannten Judenzählung im Jahre 1916 widmeten sie sich auch verstärkt dem Kampf gegen den Antisemitismus in den deutschen Streitkräften.

 

Nicht viele dürften wissen, dass jüdische Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges in den Jahren 1919/1920 den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gegründet hatten. Einen Bund, der, solange er existierte, zwischen 30.000 und 40.000 Mitglieder vertrat. Nur wenige wissen vermutlich auch, dass sich bei Kriegsbeginn 1914 mehr als 10.000 deutsche Juden freiwillig gemeldet hatten.2.)

 

Josef Zürndorfer, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie und Fliegerleutnant im Ersten Weltkrieg, der 1915 mit seinem Flugzeug abstürzte, hat in seinem Testament seine Motivation, im Militär zu dienen, wie folgt zusammengefasst: „Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.“

 

Damit steht er geradezu exemplarisch für eine Vielzahl von Juden, die sich nicht nur allein aus Patriotismus zum Militär meldeten, sondern hofften, durch ihr Engagement im Krieg endlich gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Eine trügerische Hoffnung, wie wir heute wissen.

 

Im Zweiten Weltkrieg schließlich wurden rund 70 Millionen Menschen in die Streitkräfte von Staaten, die gegen die Wehrmacht und ihre Verbündeten kämpften, einberufen oder meldeten sich freiwillig. 1,5 Millionen von ihnen waren Juden! 1.)

 

Ein unschätzbar großer Beitrag von Juden bei der Bekämpfung des Nationalsozialismus, der immer noch viel zu wenig Beachtung und Würdigung findet.

 

Wenn Juden heute wieder Dienst in der Bundeswehr tun wollen, dann ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wie in der Gesamtgesellschaft auch in der Bundeswehr die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit stattfindet. Eine Auseinandersetzung, für die Umbenennungen von Kasernen wichtig, aber nicht hinreichend sind. Das Andenken an jüdische Soldaten ist ebenso wichtig wie die Aufgabe, radikal mit braunen Traditionen aus der Wehrmacht zu brechen. Dazu gehört auch, heute kritisch und wachsam zu sein, wenn Fehlentwicklungen in der Truppe rechtsextreme Netzwerke ermöglichen.

 

Pause

 

Meine Damen und Herren, wir müssen uns immer wieder fragen, was für Soldatinnen und Soldaten wir uns denn heute wünschen.

Dazu gehört auch das Verständnis von Soldatinnen und Soldaten, für die nicht blinder Gehorsam das Ziel ist, sondern ein mündiger, kritisch denkender Staatsbürger. Der Soldat, der in der Lage ist, sich ein eigenes moralisches Urteil zu bilden.

 

Nur wie das erreichen? Wenn wir uns diese Frage stellen, dann sind wir mitten beim Thema der heutigen Konferenz angekommen und bei der Frage, warum sich der Zentralrat der Juden Militärrabbiner in der Bundeswehr wünscht, warum wir uns wünschen, dass Rabbiner in der Deutschen Bundeswehr die Möglichkeit haben sollen, lebenskundlichen Unterricht zu erteilen, ebenso wie die beiden großen christlichen Kirchen und künftig wohl auch Imame.

 

Der Zentralrat der Juden hat im parlamentarischen Raum ebenso wie bei den Kirchen für dieses Anliegen seit langem eine breite Unterstützung erfahren dürfen. Eine Unterstützung, für die wir dankbar sind, und die jetzt zu dem außerordentlich erfreulichen Ergebnis geführt hat. Mein Dank gilt daher allen, die uns im Vorfeld bei diesem Anliegen ermutigt und sich für die Realisierung stark gemacht haben. Vor allem Sie, verehrte Frau Ministerin, haben mit Ihrer Zusage den Grundstein für die jüdische Militärseelsorge gelegt.

 

Wir wünschen uns eine Bundeswehr, in der jüdische Militärseelsorge eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Bundeswehr, in der jüdische Soldatinnen und Soldaten, aber auch Militärrabbiner keine Exoten, sondern selbstverständlich gleichberechtigte Kameradinnen und Kameraden sind. Gemeinsam werden wir nun – über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – seelsorgerische Angebote für jüdische Soldatinnen und Soldaten schaffen.

 

Seelsorger der christlichen Kirchen leisten einen unschätzbaren Beitrag zur ethischen Bildung der Soldaten. Von zentraler Bedeutung ist hierbei der Lebenskundliche Unterricht. Mit kaum einem Instrument der ethischen Bildung erreicht man so viele Menschen. Deshalb ist der Lebenskundliche Unterricht sowohl von hoher inhaltlicher, aber auch strategischer Bedeutung für die Ausbildung bei der Bundeswehr. Hier wird es künftig auch einen jüdischen Beitrag geben.

 

Bislang verfügen junge jüdische Rekruten über keine angemessene Ansprechstelle für religionsgesetzliche Angelegenheiten im militärischen Kontext. Dies, obwohl laufende Einsätze vielfach nicht vorhersehbare Problemstellungen rasche Hilfestellungen und sehr persönlichen Beratungsbedarf unbedingt notwendig machen.

 

Soldaten sind häufig extremen Situationen ausgesetzt. Die Militärseelsorge ist daher kein Luxus, sondern ein absolut notwendiges Angebot für jeden gläubigen – und in manchen Situationen auch nicht-religiösen – Militärangehörigen.

 

Die Soldatinnen und Soldaten jüdischen Glaubens, die derzeit in der Bundeswehr ihren Dienst leisten, haben daher unabhängig von ihrer Anzahl wie alle anderen Mitglieder von in Deutschland vertretenen Religionsgemeinschaften auch ein Anrecht auf seelsorgerische Betreuung.

 

Gerade in Zeiten wie in diesen, wo sich die Ränder zunehmend radikalisieren und dabei nicht selten die Religion als Denkmantel missbrauchen, braucht es die Brückenfunktion, die Religionen haben können – auch die jüdische. Die Aufklärung über jüdisches Leben in Deutschland, über jüdische Ethik und das Judentum insgesamt hat für die Bekämpfung von Antisemitismus eine enorme Bedeutung.

 

Die jüdische Militärseelsorge wird in einem Militärseelsorgestaatsvertrag zu regeln sein. Dieser bildet die Grundlage für die Ausgestaltung jüdischer Militärseelsorge. Zahlenmäßig muss die Personaldecke so ausgestaltet sein, dass es wirklich gelingt eine Wirkung im Bereich des Lebenskundlichen Unterrichts zu entfalten.

 

Seit mehr als zwei Jahrzehnten bilden wir wieder Rabbiner in Deutschland aus. Mittlerweile ist eine Generation von in Deutschland aufgewachsenen und ausgebildeten Rabbinern herangewachsen, die bundesweit in Jüdischen Gemeinden amtieren und dort Verantwortung übernehmen. Die vom Hildesheimer Rabbinerseminar in Berlin und vom Abraham Geiger Kolleg in Potsdam ausgebildeten Rabbiner durchlaufen im Rahmen ihrer Ausbildung vielfach verschiedene Stationen seelsorgerischer Betreuung, ob bei der Bundeswehr, in Krankenhäusern, in Justizvollzugsanstalten oder in jüdischen Einrichtungen.

 

Wir können auf in Deutschland hervorragend ausgebildete Rabbiner verschiedener Denominationen verweisen. Eine wunderbare Ausgangslage für die Auswahl geeigneter Militärrabbiner.

 

PAUSE

 

Juden in der Bundeswehr bedeuten, dass sich junge Juden heute als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft begreifen. Dies beinhaltet auch einen Wandel im Selbstverständnis sowohl der jüdischen Gemeinschaft insgesamt als auch insbesondere der jüdischen Jugend hier in Deutschland. Die Schoa hat tiefe Narben in allen jüdischen Familien hinterlassen. Dieser Wandel wäre noch vor einer Generation kaum denkbar gewesen. Das sollten wir bei all der Freude nicht vergessen.

 

Militärrabbiner und jüdische Militärseelsorge sind ein starkes politisches Signal der Gleichstellung und Akzeptanz der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Gleichzeitig ist es ein weitreichendes Angebot der jüdischen Gemeinschaft an die Bundesrepublik Deutschland. In allen großen westlichen Armeen leisten Militärrabbiner ihren Dienst. Künftig wird sich auch die Bundesrepublik Deutschland dazu zählen dürfen. Neben den vielen innenpolitischen und gesellschaftlichen Vorzügen ist es sicherlich auch außenpolitisch ein wichtiges Signal.

 

Es steht nunmehr fest: Die jüdische Militärseelsorge wird kommen. Ich bin mir sicher, das tut der Bundeswehr und unserem Land gut.

 

  1. Wladimir Struminski, An allen Fronten, Hentrich u. Hentrich, S. 17
  2. Jüdische Militärseelsorge, Michael Berger, S. 90

 

03.04.2019, Berlin

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