Die Bundeswehr braucht einen Militärrabbiner



Lange konnte sich kaum ein Jude vorstellen, in der Bundeswehr Dienst zu tun. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, erklärt, warum die jüdische Gemeinschaft der Bundeswehr jetzt wieder eine eigene Militärseelsorge anbietet. Ein Gastbeitrag von Dr. Schuster in der FAZ vom 20.02.2019.

Nachrichten von rechtsextremen Vorfällen oder der Verdacht auf rechtsextreme Netzwerke in der Bundeswehr schrecken regelmäßig die Öffentlichkeit auf. Wie ist es um die Truppe bestellt? Das haben sich vor allem viele gefragt, als der rechtsextreme Bundeswehr-Offizier Franco A. 2017 enttarnt wurde, der offenbar Anschläge geplant hatte.

Von der Bundeswehr eine moralisch einwandfreiere Grundeinstellung zu erwarten als von der übrigen Gesellschaft, wäre allerdings unrealistisch. Die Bundeswehr ist ein Abbild der Gesellschaft. Der „Staatsbürger in Uniform“  - noch immer ein Grundsatz der Inneren Führung – soll dies im Grund widerspiegeln. Dabei ist natürlich an den verantwortungsvollen und demokratisch gesinnten Bürger gedacht. Die Bundeswehr zieht aber auch andere Menschen an – Menschen, die hierarchische Strukturen sowie Befehl und Gehorsam mögen. Darunter sind ganz offensichtlich nicht nur Bürger, die die demokratischen Werte schätzen und verwirklichen wollen.

Politische Bildung hat daher von jeher in der Bundeswehr eine wichtige Rolle gespielt. Ebenso werden ethische Themen und Fragen der Gewissensbildung ernst genommen. Ein wichtiger Baustein dafür ist der für alle Soldaten verpflichtende lebenskundliche Unterricht. Er wird von den katholischen und evangelischen Militärseelsorgern erteilt. Und es besteht kein Zweifel daran, dass die beiden christlichen Kirchen auf diese Weise einen sehr wichtigen Beitrag zur ethischen Bildung der Soldatinnen und Soldaten leisten.

Die katholischen und evangelischen Militärseelsorger sind in vielerlei Hinsicht Ansprechpartner für die Truppe. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wäre es aber auch an der Zeit, wieder eine jüdische Militärseelsorge in der Bundeswehr zu etablieren und damit an eine alte Tradition anzuknüpfen. So wie es heute in allen Armeen der großen westlichen Staaten üblich ist, gab es vor der Zeit des Nationalsozialismus auch in der deutschen Armee jüdische Militärseelsorger. Das prominenteste Beispiel ist Leo Baeck, der im Ersten Weltkrieg als Militärrabbiner tätig war.

Dass es in der Bundesrepublik über Jahrzehnte keine Militärrabbiner gab, ist ebenso leicht nachzuvollziehen wie die Tatsache, dass für Juden keine Wehrpflicht bestand, wenn ihre Eltern oder Großeltern Verfolgte des Nazi-Regimes waren. Nach den Verbrechen der Wehrmacht und ihrer Beteiligung an der Schoa konnte es sich kaum ein Jude vorstellen, in einer deutschen Armee Dienst zu tun. Die Unterschiede zwischen Wehrmacht und Bundeswehr wurden zwar anerkannt, doch das Trauma war auch für nachfolgende Generationen zu groß. Militärrabbiner wären genauso undenkbar gewesen.

Heute stellt sich die Lage anders dar. Junge Juden betrachten Deutschland selbstverständlich als ihr Zuhause. Die Bundeswehr ist als Armee der Demokratie akzeptiert. Auch jüdische Soldaten leisten dort ihren Dienst. Auslandseinsätze oder die Hilfe bei Katastrophen tragen zu einem positiven Image der Bundeswehr bei. Dieses Image erhält durch rechtsextreme Vorfälle natürlich Kratzer, steht aber nicht in Gänze in Frage.

Die jüdische Gemeinschaft macht der Bundeswehr daher das Angebot einer eigenen Militärseelsorge. Die Einrichtung einer jüdischen Militärseelsorge auf Basis eines Militärseelsorgestaatsvertrags wäre auf dem Weg der Normalisierung ein symbolträchtiger Schritt. Für Soldaten einer pluralen Gesellschaft seelsorgerische und ethische Angebote verschiedener Religionsgemeinschaften zu machen, stände einer modernen Armee gut zu Gesicht.

Wir haben dabei alle Soldaten im Blick, nicht nur die jüdischen. Christliche Religion und Ethik speisen sich zwar aus der jüdischen Tradition, setzen aber andere Akzente und geben andere Antworten. Jüdische Militärseelsorge wäre eine Bereicherung für die ethische und lebenskundliche Ausbildung der Soldaten. Das Judentum bietet für viele persönlich schwierige Situationen sehr lebensnahe Antworten, die auch nicht-gläubigen oder andersgläubigen Menschen eine Hilfe sein können.

Das Verteidigungsministerium hat in den vergangenen Jahren deutlich gemacht, wie wichtig ihm die ethische Bildung der Truppe ist. Derzeit wird an einer entsprechenden neuen Dienstvorschrift gearbeitet. Die Berufung von Militärrabbinern wäre eine weitere Möglichkeit, um den Soldaten Halt zu geben und Haltung zu vermitteln. So wie es bereits Leo Baeck 1914 festgestellt hat: „Ich habe es beobachten können, wie sehr die jüdischen Mannschaften das bloße Bewusstsein erhob, dass ein Rabbiner sich bei den Truppen befindet.“

 

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Frankfurter Allgemeine. 20.02.2019

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