40 Jahre Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg



Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt zum 40-jährigen Bestehen der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, 17.6.2019, Aula der Universität Heidelberg.

Anrede,

das Jahr 1979 war in gewisser Hinsicht denkwürdig für die jüdische Welt: Erstmals fand der Eurovision Song Contest in Israel statt und das Gastgeberland gewann.

Zum Wort des Jahres wurde 1979 der Begriff „Holocaust“ gewählt – was mit der gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie zu tun haben dürfte.

Und schließlich wurde hier in Heidelberg die Hochschule für Jüdische Studien gegründet.

40 Jahre später lässt sich sagen: Israel war wieder Gastgeber der Eurovision und als solcher weiter umstritten – hat aber eine grandiose Party hingelegt.

Die Fernsehserie „Holocaust“ wurde wiederholt – und es wurde deutlich, dass es immer noch Aufklärungsbedarf gibt.

Und die Heidelberger Hochschule ist über die Jahrzehnte ein fester Bestandteil des jüdischen Geisteslebens geworden, der nicht mehr wegzudenken ist.

Es ist eine besondere Freude, dass wir heute das 40-jährige Bestehen der Hochschule feiern können. Und ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, und auch Ihnen, liebe Frau Büdenbender, ganz herzlich für Ihre Teilnahme. Diese Geste wissen wir gerade in diesen Zeiten sehr zu schätzen!

Vor 40 Jahren waren es Persönlichkeiten wie Rabbiner Nathan Peter Levinson sel. A., aber auch der Oberrat Baden, die den Mut hatten, die Gründung einer jüdischen Hochschule voranzutreiben. Die Tradition, in der sich die HfJS befindet, ist ruhmreich. Michael Brenner wird uns gleich mit der „Wissenschaft des Judentums als Beruf“ thematisch bekannt machen, doch erwähnen möchte ich an dieser Stelle: der Zentralrat der Juden hat in Berlin seinen Sitz im Gebäude der früheren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Das Bild von Leo Baeck hängt im Eingang. Denn die Erinnerung an diesen großen Rabbiner und seine Verdienste um die jüdische Gemeinschaft wollen wir immer wachhalten.

Die Welt hat sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert, zugleich sind einige Herausforderungen die gleichen geblieben. Und dies betrifft auch die Hochschule für Jüdische Studien:

Noch immer, oder eigentlich müsste ich sagen: Mehr denn je muss es unser Ziel sein, Wissen über das Judentum in die Breite der Bevölkerung zu vermitteln.

Die Hochschule leistet hier eine wertvolle und vorbildliche Arbeit. Das Judentum wird in seiner ganzen Vielfalt vermittelt: Religion, Geschichte, Philosophie, Kultur und Literatur des Judentums sind die Bandbreite, die sich an der HfJS wiederfindet.

Warum ist mir diese Wissensvermittlung so wichtig?

Die vergangenen Wochen, meine Damen und Herren, wurden eben nicht nur von den fröhlichen Partybildern der Eurovision in Tel Aviv bestimmt.

Sondern sie waren auch geprägt von einer erneuten Debatte über die Gefährdung von Juden in Deutschland. Und sie waren geprägt von neuen Zahlen über Hasskriminalität und von antisemitischen Vorfällen.

Angesichts dieser Lage und angesichts der erschreckenden Wahlergebnisse der AfD in den östlichen Bundesländern bei der Europawahl müssen wir uns ernsthaft erneut fragen: Was ist zu tun?

Karl Jaspers hat einmal gesagt: „Es darf keine Freiheit geben zur Zerstörung der Freiheit.“

Das bedeutet: Es darf keine Toleranz jenen gegenüber geben, die an den Grundfesten unserer Demokratie rütteln.

Wir brauchen eine Justiz, die antisemitische und im Übrigen auch rassistische Straftaten als solche benennt und entsprechend sanktioniert.

Und wir brauchen eine Polizei, die weder auf dem rechten Auge blind ist, noch weghört, wenn auf einer Demo antisemitische Parolen gebrüllt werden.

Nun sagt sich das natürlich leicht. Wenn jedoch Richter und Staatsanwälte heutzutage kaum noch über ihre Aktenstapel schauen können, und Polizisten Hunderte von Überstunden schieben, dann werden diese Forderungen sehr theoretisch.

Daher ist bei der Bekämpfung des Antisemitismus ganz klar der Staat in der Pflicht. Sowohl in der Ausbildung in den Strafverfolgungsbehörden als auch in deren Ausstattung muss sich etwas ändern.

Das gleiche gilt für die Lehreraus- und fortbildung. Auch hier müssen Schulungen zu den Themen Antisemitismus, Rassismus und Israel verstärkt stattfinden. Für alle Fächer, nicht nur für Geschichts- oder Religionslehrer.

Viele Schritte sind notwendig, um ein weiteres Abdriften unseres Landes nach rechts zu verhindern. Es wird Zeit, dass sich der Wind dreht.

Beim notwendigen politischen Klimawandel kommt Bildung die Bedeutung zu wie dem Kohleausstieg für den ökologischen Klimawandel.

Wenn wir jedoch die Ausbildung in vielen Berufsfeldern verbessern möchten, brauchen wir Menschen, die das vermitteln können.

Und damit möchte ich kurz auf die Hochschule für Jüdische Studien zurückkommen. Mit ihrer soliden und hochwertigen wissenschaftlichen Ausbildung schafft sie die Voraussetzungen für den politischen Klimawandel. Von der Ausbildung ihrer Absolventen profitiert nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern die gesamte Gesellschaft.

Daher begrüße ich auch die Idee, mit Drittmitteln aus der Wirtschaft neue Stellen an der Hochschule zu schaffen, um sowohl die internationalen Kooperationen auszubauen als auch die Verbindungen zu den jüdischen Gemeinden zu verstärken, um von dort Studierende zu akquirieren.

Investitionen in Bildung und in eine Hochschule wie die HfJS sind Investitionen in unsere Zukunft.

Wir sind auch dankbar, dass der Rektor zugesichert hat, für die Übergangsphase bis zum 30. März 2020 geschäftsführend dem Rektorat zur Verfügung zu stehen, sozusagen als Stellvertreter des Stellvertreters.

In diesem Sinne gratuliere ich von Herzen zum 40-jährigen Bestehen und wünsche der Hochschule weiterhin viel Erfolg, kluge Lehrende und Lernende und einen hohen wissenschaftlichen Output!

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