20 Jahre AJC Berlin



Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster zum 20-jährigen Bestehen des AJC Berlin Office/ Lawrence& Lee Ramer Institute sowie zum Erhalt des Sydney Lefkowitz Award for International Jewish Renewal, 11. Oktober 2018, Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Anrede,

 

Ich möchte mich beim AJC Berlin Ramer Institute sehr herzlich für den Preis bedanken, den Sie, Herr Kempner, mir gerade überreicht haben. Ich empfinde es als große Ehre, mit dem Sydney Lefkowitz Award for International Jewish Renewal ausgezeichnet zu werden.

             

Der erste jüdische und ökumenische Gottesdienst im Herbst 1944 im befreiten Deutschland ist tatsächlich zu einem Symbol der Erneuerung des Judentums in Europa geworden. Wie wir wissen, hat der amerikanische Armeerabbiner Sydney Lefkowitz am 29. Oktober 1944 in der befreiten Stadt Aachen nicht nur die religiöse Zeremonie abgehalten, sondern auch ihre Bedeutung kommentiert.

 

Ich möchte den Rabbi kurz zitieren:

„Das Licht der Religionsfreiheit hat die Dunkelheit der Nazi-Verfolgung durchdrungen. Die Freiheit des Gewissens existiert wieder in dem Land, das den Menschen diese Freiheit genommen hatte.“

Soweit Rabbiner Lefkowitz.

 

Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit – beide waren schon immer zentrale Anliegen des American Jewish Comittee seit seiner Gründung im Jahr 1906 in New York.

 

Umso mehr freue ich mich darüber, heute mit Ihnen das 20-jährige Bestehen des AJC Ramer Institute for German-Jewish Relations in Berlin zu feiern. Denn die Stärkung des jüdischen Lebens in Deutschland ist unser gemeinsames Anliegen. Und je effektiver wir zusammenarbeiten, desto besser können wir uns den vielfältigen Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft stellen.

Sehr geehrte Frau Berger, Sie haben als Direktorin des American Jewish Comittee in Berlin ein beeindruckendes politisches Netzwerk in der Hauptstadt und darüber hinaus geschaffen.

 

Umso mehr freut es mich, dass das AJC in den vergangenen Jahren in enger Abstimmung mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland auf vielen Gebieten aktiv geworden ist. Denn in Zeiten, in denen Intoleranz und Ausgrenzung von Minderheiten nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und auch jenseits des Atlantiks zunehmen, ist ein Schulterschluss aller wichtigen jüdischen Organisationen notwendiger denn je – auf dem Gebiet der Bildung, der Erinnerungsarbeit und dem Kampf gegen Antisemitismus und Extremismus.

 

Die Ereignisse in Chemnitz vor mehrere Wochen haben uns alle aufgerüttelt.

Wenn auf deutschen Straßen offen der Hitlergruß gezeigt wird, wenn es zu einem Übergriff auf ein jüdisches Restaurant kommt, wenn ausländisch aussehende Menschen und Journalisten bedroht werden, wenn gleichzeitig die Zahl rechtsextremer Straftaten zunimmt, dann sind nicht nur wir Juden in Deutschland alarmiert.

 

Dass unlängst mehrere Mitglieder einer rechtsextremistischen Terrorgruppe mit dem Namen „Revolution Chemnitz“ festgenommen wurden, zeigt überdeutlich: Die Gefahr von rechts wächst.

 

Dennoch möchte ich eines betonten: Mir ist bewusst, dass in diesen Tagen oft Vergleiche zu 1933 gezogen werden, dem Jahr der Machtübernahme Adolf Hitlers. Ich empfinde solche Vergleiche aber nicht als angebracht.        

 

Das Deutschland von heute ist ein gefestigter demokratischer Staat, der keine Diskriminierung von Minderheiten betreibt, sondern ganz im Gegenteil religiöse Minderheiten aktiv schützt.

 

In wenigen Wochen, am 9. November, werden wir der Pogromnacht gegen Juden von 1938 gedenken: 80 Jahre wird es dann her sein, dass der staatliche Terror gegen Juden den Anfang vom geplanten Ende des deutschen Judentums ankündigte.    

Die Bilder der zerstörten Synagogen und der verwüsteten jüdischen Geschäfte haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Und wenn wir uns diese Bilder heute wieder vor Augen führen oder den letzten noch lebenden Zeitzeugen zuhören, dann wird klar:

 

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass es nach dem Völkermord an den europäischen Juden eine Erneuerung des jüdischen Lebens in Deutschland und in Europa geben konnte.

 

Doch heute wächst in unserem Land die Zahl der Bürger, die sich an die Bilder des Schreckens nicht mehr erinnern wollen.

 

Bei vielen schwindet auch das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie: Sie sind durch die Zuwanderung seit Beginn der großen Flüchtlingsbewegung von 2015 verunsichert und gehen Rattenfängern auf den Leim, die muslimische Menschen für jedes einzelne Problem in Deutschland verantwortlich machen.    

 

Reale Schwierigkeiten bei der Integration von Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan werden von der rechtspopulistischen Partei, die sich irreführenderweise „Alternative für Deutschland“ nennt, für Propaganda gegen den Islam als Ganzes missbraucht. Leider mit beträchtlichem Erfolg: Die AfD hat bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen errungen. Das heißt aber auch: Mehr als 82 Prozent der Bürger haben die anderen Parteien gewählt, die im deutschen Bundestag vertreten sind.

 

Wir wissen zudem: Das Problem betrifft keineswegs nur unser Land. Rechtspopulistische Parteien und Bewegungen gewinnen überall in Europa an Bedeutung.

 

Doch wer wie AfD-Chef Alexander Gauland vom Nationalsozialismus als »nur ein Vogelschiss in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte« spricht, oder wer wie der thüringische AfD-Chef Bernd Höcke vom Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ schwadroniert, der hat tatsächlich eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ vor Augen.

Wer sich aber an die Vergangenheit nicht mehr erinnern will, trägt dazu bei, dass sich die Geschichte von Ausgrenzung und Diskriminierung wiederholen könnte – wenn auch in anderer Form.

 

An diesem Sonntag, dem 14. Oktober, sind Landtagswahlen in Bayern, dem größten Bundesland der Bundesrepublik. Wie Sie wissen, komme ich selbst aus Bayern, und ich habe das AfD-Programm für die Landtagswahl mit Entsetzen gelesen.

 

Die Diffamierung von Muslimen mit Parolen wie „Der Islam gehört nicht zu Bayern“ und verschiedene kirchenfeindliche Positionen gehen einher mit Forderungen nach massiver Einschränkung der religiösen jüdischen Praxis. Und das ganz konkret: Die bayerische AfD fordert ein Verbot des Schächtens. Außerdem verlangt sie explizit, das Beschneidungsgesetz von 2012 wieder rückgängig zu machen – ein Gesetz, für das sich alle jüdischen Organisationen in Deutschland stark gemacht haben, maßgeblich der Zentralrat der Juden.

 

Die AfD will eine Wende rückwärts: Die religiöse Beschneidung von Jungen soll wieder kriminalisiert werden – mit Argumenten aus der pseudomedizinischen Mottenkiste, die bereits unzählige Male widerlegt wurden. Die chirurgische Entfernung der (Zitat) „nervenreichen männlichen Vorhaut“ sei „nicht selten mit Auswirkungen auf das spätere Sexualleben des Erwachsenen“ verbunden, behauptet die AfD.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, wir alle wissen: Das ist blanker Unsinn. Aber wir müssen es genauso verstehen, wie es gemeint ist: als Angriff auf die Religionsfreiheit und auf jüdisches Leben, und zwar nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland.

 

Bisher sehe ich zwar nicht, dass solche Positionen mehrheits- oder regierungsfähig sind, doch wir müssen auch in Zukunft wachsam bleiben.

 

Wichtig ist vor allem: Alle jüdischen Organisationen in Deutschland müssen gemeinsam mit den Vertretern der christlichen und muslimischen Religionsgemeinschaften an einem Strang ziehen, um die Religionsfreiheit auch in Zukunft zu verteidigen.

Es gibt nichts mehr daran zu deuteln: Die AfD ist eine religionsfeindliche und antisemitische Partei.

 

Und ich bin sehr froh darüber, dass der Zentralrat der Juden und das American Jewish Comittee vor einer Woche gemeinsam mit anderen großen jüdischen Organisationen wie der Zentralwohlfahrtstelle, der Jewish Claims Conference, der Union Progressiver Juden und der Jüdischen Studierendenunion Deutschland eine Erklärung veröffentlicht haben, die daran keinen Zweifel lässt.

 

Bedauerlicherweise kommt Gegenwind manchmal auch aus den eigenen Reihen: Leider scheinen mir vor allem Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion anfällig zu sein für einfache Parolen und einen vermeintlichen Schulterschluss von Juden und Christen gegen Muslime.

 

Am vergangenen Sonntag hat sich in Hessen eine kleine Gruppe von Juden als eigene Gruppierung innerhalb der AfD gegründet. Wie viele Juden wirklich dort aktiv sind, weiß man nicht so genau. Doch dass sich Juden in Deutschland überhaupt als Feigenblatt für diese rechtspopulistische Partei hergeben, finde ich unglaublich. Denn Hetze gegen Minderheiten und die Bagatellisierung der NS-Verbrechen sind mit jüdischen und christlichen Werte auf gar keinen Fall vereinbar.

 

Für die Kirchen in Deutschland, aber auch für jüdische Organisationen ist die AfD eine große Herausforderung. Wir wollen keine Bühne bieten für Demagogen, Rassisten und Antisemiten, aber wir wollen auch im Gespräch bleiben mit denjenigen, die der Hetze auf den Leim gegangen sind und sich als „Protestwähler“ verstehen. Wir wollen sie überall, wo wir sie in der Gesellschaft antreffen, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen und für unsere Anliegen gewinnen.

 

Religionsfreiheit und die Freiheit des Gewissens sind nur dann gewährleistet, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung bereit ist, nicht nur die eigenen Rechte, sondern genauso die Rechte der Minderheiten zu schützen und zu verteidigen.

 

Dafür wird der Zentralrat der Juden auch in Zukunft lautstark und selbstbewusst eintreten – und wir sind froh darüber, Sie als Freunde an unserer Seite zu wissen.

 

Auch deshalb möchte ich mich noch einmal für den Preis bedanken, den Sie mir heute verliehen haben - und der im Zeichen der jüdischen Erneuerung steht.

 

Ganz in diesem Sinn wünsche ich dem AJC Ramer Institute for German-Jewish Relations auch für die Zukunft viel Erfolg bei seinen vielfältigen Aktivitäten. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen - und uns allen - einen schönen Abend!

Foto: Gregor Zielke