10-Jahre-Ariowitsch-Haus



Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt zum 10-jährigen Bestehen des jüdischen Kultur- und Begegnungszentrums Ariowitsch-Haus, 23. Juni 2019, Leipzig

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Anrede,

es gibt in Deutschland nicht sehr viele Orte, die so deutlich mit der jüdischen Geschichte und Gegenwart verbunden sind und die heute eine feste Adresse in ihrer Stadt sind. Das Ariowitsch-Haus ist ein solcher Ort.

Es spiegelt die Höhen und Tiefen der deutsch-jüdischen Geschichte geradezu exemplarisch wider.

Und es ist heute ein Ort des regen jüdischen kulturellen Lebens und des Austausches zwischen den Religionen und Kulturen.

Daher ist es ein rundum freudiger Anlass, heute hier das zehnjährige Bestehen dieses Kulturzentrums zu feiern, und ich freue mich, dass ich dabei sein kann.

Und noch mehr freue ich mich, dass so viele ehemalige Leipziger oder ihre Nachkommen anlässlich des Jubiläums angereist sind. Ich hoffe, dass Sie auch noch Gelegenheit haben werden, Angebote im Rahmen der „Jüdischen Woche“ wahrzunehmen – denn das lohnt sich!

 

Meine Damen und Herren,

als die „Jüdische Allgemeine“ 2009 über die Einweihung des Ariowitsch-Hauses berichtete, überschrieb sie ihren Artikel mit einem einzigen Wort:

„Glücksmomente“

Das gab damals treffend die Gefühle all jener Menschen wieder, die sich für die Renovierung des Hauses und seine Einrichtung als jüdisches Kulturzentrum eingesetzt hatten. Lieber Küf, ich weiß, dass du viel Herzblut in dieses Projekt gesteckt hast und dafür danke ich dir!

Denn der Weg bis zur Einweihung war holprig. Es gab Klagen von Anwohnern, die sich Sorgen um ihre Sicherheit und ihre Grundstückswerte machten, wenn ein jüdisches Zentrum in die Nachbarschaft ziehen würde.

Erlauben Sie mir dazu eine Bemerkung: Wenn heute einige so überrascht reagieren, wenn jemand wie ich oder der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein – den wir heute als Musiker erleben –

wenn wir also auf den verbreiteten Antisemitismus aufmerksam  machen, dann sollte man vielleicht einfach das Beispiel dieser Klage erzählen.

Wenn Juden in die Nachbarschaft ziehen, sinkt der Wert des Eigenheims – wer so denkt, hat antisemitische Ressentiments. Und dieses Denken ist beileibe nicht nur in Leipzig anzutreffen, sondern an sehr vielen Orten in Deutschland.

Doch es gibt auch andere Leipziger. So wie der damalige  Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff, oder wie die Mitglieder des Vereins Waldstraßenviertel, die sich für das Ariowitsch-Haus eingesetzt haben.

Sie haben etwas erkannt, was eigentlich ganz einfach ist: Schon früher war dieses Viertel durch viele jüdische Bewohner geprägt. Der Bau des jüdischen Elternheims war Ausdruck der Wohltätigkeit der jüdischen Unternehmerfamilie Ariowitsch. Das Judentum gehörte damals selbstverständlich zur Stadtgesellschaft dazu.

Erst die Nationalsozialisten machten diesem fruchtbaren Zusammenleben ein brutales Ende. Plötzlich wollte die Stadt Leipzig nichts mehr von ihren Juden wissen. Alle Bewohner des Ariowitsch-Altenheimes wurden nach Theresienstadt deportiert. Insgesamt wurden von den rund 12.000 Leipziger Juden 6.000 bis 8.000 in der Shoah ermordet. 1945 gründeten 24 Überlebende die Israelitische Religionsgemeinde wieder.

All jene, die sich viele Jahrzehnte später für das Ariowitsch-Haus als neues jüdisches Kulturzentrum einsetzten, und auch der Stadt war bewusst: Damit bot sich die Chance, an das rege jüdische Geistesleben der Vorkriegszeit und an das einst gute Zusammenleben im Waldstraßenviertel anzuknüpfen.

Heute, zehn Jahre nach der Einweihung, sind wir dankbar und froh für die Klugheit und den Weitblick all dieser Unterstützer des Ariowitsch-Hauses. Unser Dank gebührt auch ausdrücklich der Stadt, wie ich stellvertretend Ihnen gegenüber, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, betonen möchte. Ohne diese städtische Unterstützung wären sowohl eine Einrichtung wie das Ariowitsch-Haus als auch die Existenz einer so lebendigen jüdischen Gemeinde wie der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig undenkbar.

Das Jubiläum in diesem Jahr empfinden Sie alle sicher als einen ähnlichen Glücksmoment wie die Einweihung 2009.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dieses Haus ist tatsächlich zu einem Ort der Begegnung und des Austausches geworden. Ob es nun „Leipzig liest“ während der Buchmesse ist, oder ob es einst Programmpunkte des Katholikentags waren oder Vorträge, Zeitzeugengespräche, Filmvorführungen, Kurse für Flüchtlinge oder Tanzabende: Sie bauen hier Brücken zwischen den Religionen, zwischen unterschiedlichen Kulturen, kurz: zwischen Menschen.

Diesen Brückenbau brauchen wir mehr denn je.

Erst vor wenigen Wochen haben wir mit Erschütterung die Wahlergebnisse der AfD bei der Europawahl und den Kommunalwahlen zur Kenntnis genommen, die sie hier in Sachsen und anderen östlichen Bundesländern zum Teil erreichen konnten. Leipzig, wo die AfD mit 15,5 Prozent – in Anführungszeichen -  „nur“ auf dem dritten Platz landete, galt schon als rühmliche Ausnahme. Doch auch hier machten mehr Wähler bei den Rechtspopulisten ihr Kreuzchen als jeweils bei SPD, Linken und FDP.

Die AfD ist jedoch die Partei, die – um im Bild zu bleiben - Brücken einreißt. Flüchtlingen möchte sie den Zugang zu den Brücken in unsere Gesellschaft vor vorneherein verwehren. Sie rüttelt an den Brücken, die zwischen hier lebenden Muslimen oder Migranten und der Mehrheitsgesellschaft gebaut wurden. Statt Brücken errichtet die AfD Zäune. Noch sind es nur verbale Zäune. Doch die Rechtspopulisten sind ja auch an keiner Regierung beteiligt.

Und wenn uns das friedliche Zusammenleben der Kulturen, Minderheiten und Religionen wirklich wichtig ist, und wenn wir Deutschland als tolerantes und weltoffenes Land erhalten wollen, dann darf niemand mit der AfD eine Regierungskoalition eingehen!

Stattdessen müssen wir darauf hinarbeiten, die spalterischen Tendenzen in unserer Gesellschaft wieder zurückzudrängen. Ich bin überzeugt: Wer Menschen kennenlernt, die eine andere Lebensweise pflegen als man selbst, die eine andere Herkunft haben – zum Beispiel Wessis oder Israelis –

Wer Menschen kennenlernt, die religiös sind oder die eine andere Religion haben –

wenn dieser Austausch stattfindet und wir die Individuen hinter DEN Muslimen, DEN Flüchtlingen, DEN Juden oder DEN Schwulen entdecken – dann verfangen so plumpe Vorurteile und Fake News, wie die Rechtspopulisten sie verbreiten, nicht mehr.

Und deshalb sind Orte wie das Ariowitsch-Haus so kostbar und so essenziell wichtig für unser Zusammenleben. Zwischen den Generationen – wie es hier auch gepflegt wird – und zwischen den Kulturen.

Ich wünsche allen, die in oder für dieses Haus arbeiten oder ehrenamtlich aktiv sind, daher weiterhin viel Erfolg und viel Freude an dieser Arbeit, und hoffe, dass noch viele weitere Orte dieser Art in Deutschland entstehen.

Zum 10. Geburtstag Masal tow und bis 120!

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